Erste schweizweite Messung zeigt geringen Mikroplastik-Eintrag aus Kläranlagen
Dübendorf, 10.09.2026 — Schweizer Abwasserreinigungsanlagen geben jedes Jahr rund 5 Tonnen Mikroplastik in die Umwelt ab. Das ist vergleichsweise wenig: Über die Atmosphäre gelangt schätzungsweise etwa doppelt so viel Mikroplastik in Schweizer Gewässer. Die Zahlen stammen aus der bislang grössten landesweiten Untersuchung zu feinsten Plastikpartikeln in Luft, Wasser und Boden, einem gemeinsamen Projekt von Eawag, Empa und Agroscope. Möglich wurden die Zahlen dank eines neuen Ansatzes bei der Probenahme, der deutlich robustere Ergebnisse liefert als bisherige Verfahren.

Beim Geschirrspülen lösen sich winzige Kunststoffpartikel vom Schwamm. Beim Waschen synthetischer Kleidung gelangen Mikrofasern ins Abwasser. Mikroplastik ist allgegenwärtig im Alltag – und doch kaum greifbar, denn Mikroplastikpartikel sind technisch schwer messbar. Entsprechend fehlten bislang verlässliche Daten zu ihrer Gesamtmenge in der Schweizer Umwelt.
«Die Analyse von Mikroplastik ist aufwendig, und viele Studien arbeiten mit unterschiedlichen Methoden. Das macht es schwierig, Ergebnisse zu vergleichen und auf grössere Regionen hochzurechnen», sagt Guillaume Crosset-Perrotin. Er ist Doktorand in der Gruppe von Ralf Kägi am Wasserforschungsinstitut Eawag und leitete die vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) finanzierte Studie, die erstmals eine verlässliche Hochrechnung für Mikroplastik-Einträge aus Schweizer Kläranlagen liefert. Sie gehört zu einem gemeinsamen Projekt von Eawag, Empa und Agroscope, das die Belastung von Wasser, Luft und Boden untersucht. Publiziert wurden die Ergebnisse im Fachmagazin ACS ES&T Water. Partikel aus dem Abrieb von Reifen, die teils auch als Mikroplastik klassifiziert werden, wurden in der Studie aufgrund analytischer Schwierigkeiten ausgeklammert. Diese Thematik wird derzeit in weiteren gemeinsamen Projekten separat angegangen.
Erste landesweite Zahlen gestützt auf Messdaten
Die Messungen in 51 Kläranlagen, die rund 44% der Schweizer Bevölkerung abdecken, erlauben die erste robuste Ableitung auf nationaler Ebene. Demnach gelangen jährlich 4.7 Tonnen Mikroplastik aus Kläranlagen in Schweizer Ökosysteme. Pro Einwohner entspricht das einem halben Gramm pro Jahr oder etwa der Menge Kunststoff eines Trinkhalms. Die wenigen international vergleichbaren Daten – etwa aus Dänemark – liegen in einer ähnlichen Grössenordnung.
Untersucht wurden sowohl industrielle als auch kommunale Kläranlagen. Insgesamt zeigten sich keine systematischen Unterschiede. Auffällig sind jedoch einzelne Ausreisser, die laut der Studienautoren auf spezifische Verfahren in den Kläranlagen zurückzuführen sind. In einer Kläranlage wurden zum Beispiel besonders hohe Konzentrationen von Polypropylen (PP)-Partikeln gemessen. «Dort kommt bei einem Behandlungsschritt ein Trägermaterial aus PP zum Einsatz – wir vermuten, dass dieses selbst Partikel in den Klärschlamm abgibt», erklärt Guillaume Crosset-Perrotin.
Klärschlamm als Schlüssel zur Messung
Um verlässlichere Daten als bisher zu erhalten, setzte das Team bei der Probenahme an. Dabei wählten die Forschenden einen ungewöhnlichen Ansatz: Statt die Mikroplastikpartikel im gereinigten Abwasser zu messen, untersuchten sie den Klärschlamm. «Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich», sagt Crosset-Perrotin. «Wir wollten ja wissen, was die Anlage verlässt – nicht, was darin vorhanden ist.»
Der Vorteil: Mikroplastik haftet an grösseren Schlammflocken. Diese finden sich zwar auch im gereinigten Abwasser, dort allerdings in deutlich geringerer Konzentration. Deshalb lassen sie sich im Klärschlamm einfacher und zuverlässiger erfassen als frei im Abwasser verteilte Kleinstpartikel. Die Forschenden bestimmten deshalb, wie viele Mikroplastikpartikel (mit Grössen von mehr als 20 µm) an den Flocken haften – und stellten fest: nahezu alle. Wie viele Schlammflocken eine Anlage mit dem gereinigten Abwasser verlassen, wird in Kläranlagen bereits routinemässig gemessen. Aus der bekannten Menge abfliessender Schlammflocken und der Konzentration an Mikroplastik pro Flocke konnten sie daher hochrechnen, wie viele Mikroplastikpartikel die Anlagen insgesamt verlassen. Kontrollmessungen bestätigten die Ergebnisse.
Nicht nur Abwasser als Quelle
Die Kläranlagen sind jedoch nicht die einzige Quelle, über welche Mikroplastik in die Umwelt eingetragen wird. Die Ergebnisse der Empa zeigen, dass auch die Atmosphäre erheblich zur Belastung beiträgt: Das Team um Christoph Hüglin hat abgeschätzt, dass rund 10 Tonnen Mikroplastik jährlich aus der Luft in Schweizer Gewässer gelangen – das Doppelte der Menge aus Kläranlagen. Die Forschenden betonen, dass diese Einordnung entscheidend ist, um die Bedeutung der einzelnen Eintragswege zu verstehen. «Nur mit verlässlichen Daten lässt sich bestimmen, wo die grössten Belastungsquellen liegen und welche Massnahmen sinnvoll sind», sagt Guillaume Crosset-Perrotin.
Welche Auswirkungen Mikroplastik auf die Gesundheit von Mensch und Umwelt hat, ist weiterhin Gegenstand der Forschung. Während ihre langfristigen Effekte unklar bleiben, gilt es, den Eintrag der Kunststoffpartikel in die Umwelt möglichst zu begrenzen. Die Eawag-Studie zeigt: Ein Teil davon lässt sich über die Abwasserreinigung abfangen. In der Schweiz werden Kläranlagen derzeit mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe ausgerüstet, um Mikroverunreinigungen wie etwa Arzneimittel und Pestizide besser zurückzuhalten. «Die neue Reinigungsstufe wird einen erheblichen Teil der bisher noch im Abwasser verbleibenden Mikroplastik-Partikel entfernen», sagt Crosset-Perrotin.
Die neuen Daten zeigen jedoch auch die Grenzen dieses Ansatzes. Ein erheblicher Anteil des Mikroplastiks gelangt über die Atmosphäre in die Gewässer – und damit ausserhalb der Reichweite von Kläranlagen. Für Crosset-Perrotin ist deshalb klar: «Der Hebel liegt vor allem bei den Emissionen.» Entscheidend sei, den Eintrag von Kunststoffen bereits an der Quelle zu reduzieren. Dazu gehört, Kunststoffe nur dort einzusetzen, wo es nötig ist und das Littering zu verringern. «Hier sind Politik, Industrie und Zivilgesellschaft gefordert», unterstreicht der Forscher.
Hochmodernes Partikellabor von Eawag, Empa und Agroscope
Für die Untersuchung der Mikroplastikeinträge in die Umwelt arbeiten Forschende der Eawag, der Empa und des Agroscope eng zusammen und nutzen das interdisziplinäre Know-how, um ein umfassendes Bild über die Belastung von Gewässern, Böden und Atmosphäre zu erhalten. Für die Analyse der Mikroplastikpartikel steht das Partikellabor an der Eawag zur Verfügung. Ende letzten Jahres konnten dort zwei neue hochmoderne Infrarotmikroskope eingeweiht werden, welche von den Forschenden zusammen mit dem Hersteller laufend optimiert werden. Die Geräte wurden von den drei Forschungsinstituten gemeinsam finanziert und erhöhen die Kapazität für die Analyse von Mikroplastik nochmals deutlich. https://www.eawag.ch/de/abteilung/eng/schwerpunkte/partikellabor
Medienmitteilung mit Quellen, Links und Zusatzinformationen: https://www.eawag.ch/de/info/portal/aktuelles/news/erste-schweizweite-messung-zeigt-geringen-mikroplastik-eintrag-aus-klaeranlagen/



